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Verwaiste
Eltern
Cuxhaven   Jutta Willms, Schubertstraße 2, 27474 Cuxhaven

Gottesdienst am 13.12.2009 in der Martinskirche in Ritzebüttel::

Christel Behring:
Wir kommen heute hier zusammen zu erinnern.

Mit Lichtern und Sternen möchten wir den Weg zum Himmel spürbar machen, eine Brücke bauen.

Wir möchten ahnen und spüren, was uns mit unseren Kindern verbindet.

Wir wollen suchen was uns

 tröstet   aufrichtet  Mut zum Leben gibt.

Wir haben unsere Kinder verloren ---

viele sagen, das Leben geht schon weiter ---

der tiefe Schmerz wird zwar irgendwann abebben – aber die Trauer bleibt.

Manchmal ist es gut vergangenes zu verdrängen

--- eine Zeit lang ---

doch nur heilsam wenn man sich erinnert.

 

In diesem Zusammenhang möchte ich mich bei der Gemeinde bedanken, dass wir hier unseren Gedenkgottesdienst gestalten und abhalten können

Jutta Wilms:
Lesung Jörg Zink: Eine Brücke...:

Lange stand ich vor der schmalen Holzbrücke, die sich mit ihrem sanften Bogen spiegelte.

Es war eine Brücke zum Hin- und Hergehen, hinüber und herüber.

Einfach so, des Gehens wegen und der Spiegelungen.

 

Die Trauer ist ein Gang hinüber und herüber.

Hinüber, dorthin, wohin der andere ging.

 

Und zurück, dorthin, wo man mit ihm war, alle die Jahre des gemeinsamen Lebens.

Und dieses Hin- und Hergehen ist wichtig.

Denn da ist etwas angerissen.

Die Erinnerung fügt es zusammen, immer wieder.

Das ist etwas  verloren gegangen.

Die Erinnerung sucht es auf und findet es.

Da ist etwas von einem selbst weggegangen.

Man braucht es.

Man geht ihm nach.

Man muss es wieder gewinnen, wenn man leben will.

Man muss das Land der Vergangenheit erwandern,

hin und her,

bis der Gang über die Brücke auf einen neuen Weg führt.

Pastor Köster:
Liebe Gemeinde!

Ist es Ihnen schwer gefallen, über den Holzsteg zu gehen hier am Eingang zum Gottesdienst? Sicher nicht, breit und stabil ist diese Brücke, und zu befürchten hatten Sie auch nichts, darunter ist kein Abgrund, kein Wasser, sondern 10 Zentimeter weiter unten nur der feste Fußboden. Wozu die Brücke? Es gibt 3 Bedeutungen, auf die ich zu sprechen komme, für diese Brücke.

Erstens: Die Brücke hier am Eingang soll zeigen, dass es schwer fällt, den Gottesdienst zu besuchen. Die Brücke ist ein Zeichen für die Verbindung von Menschen, die nicht vom Tod eines Kindes betroffen sind, mit denen, die ein Kind verloren haben.

Im Gottesdienst ist es, wie es Verwaiste Eltern auch in ihrem Leben erfahren: Manch einer bleibt zu Hause. Man will sich das Leid gerne auf Distanz halten, nicht zu nahe kommen lassen. Muss das denn sein, gerade in der Adventszeit, dieses Thema? Nein, es muss nicht sein. Aber es ist so. Verwaiste Eltern sind Verwaiste Eltern, auch zur Weihnachtszeit, und oft besonders dann, bei dem Fest, an dem die Familie so wichtig ist.

Ja, es fällt schwer, über diese Brücke zu gehen, am Gedenken an die verstorbenen Kinder teil zu haben, das jedes Jahr am 2. Sonntag im Advent auf der Welt stattfindet.

Ja, es fällt schwer, am Leben von Menschen teil zu haben, die ein Kind verloren haben. Verwaiste Eltern erleben das jeden Tag, wie schwer es fällt, über diese Brücke zu gehen. Sie bekommen selten Besuch in ihrer Seele.

Dass jemand kommt, etwas hören will über dieses Kind, auch wenn es 2 oder 10 Jahre tot ist und man doch langsam „vergessen haben müsste“, was sich nie, im ganzen Leben nicht, vergessen lässt. Dafür, liebe Gemeinde, steht diese Brücke. Schön, dass Sie heute hier sind!

Die zweite Bedeutung der Brücke ist die der Erinnerung. Eltern, die ein Kind verloren haben, fällt es oft schwer, über diese Brücke zu gehen. Es fällt schwer, diesen Ort, diese Stunde, diesen Gottesdienst  für sich anzunehmen. Wunden reißen wieder auf. Erinnerungen steigen aus der Tiefe an die Oberfläche. Wer will, dass es wieder weh tut? Wer will schon diesen tiefen Schmerz empfinden, so wie damals, als der Sohn, die Tochter gestorben ist? Die Narben tun doch gerade erst nicht mehr weh...

Aber zugleich spüren sie, dass das nicht stimmt. Wie gut es tut, den Namen des Kindes zu sagen, zu hören.

Wie gut es tut, sich zu erinnern, wie es war. Wie gut es tut, Menschen zu treffen, die verstehen. Zu erfahren: Du bist nicht alleine.

Die Gruppe der Verwaisten Eltern meint, dass es gut ist, diese Brücke der Erinnerung immer wieder zu gehen. Wir wissen: Es gibt viele Möglichkeiten, mit dem Verlust eines Kindes zu leben. Richtig oder falsch gibt es nicht. Jeder muss seinen Weg gehen. Jeder muss wissen, welche Brücke für ihn, für sie die richtige ist.

Die Brücke ins Leben, die Brücke zu anderen Menschen, die Brücke zum Kind.

Christel Behring von den Verwaisten Eltern hat aufgeschrieben, was für die Gruppe eine Brücke ist...........

Eine Brücke wollen wir bauen …

Christel Behring:
Eine Brücke wollen wir bauen aus Lichtern und Sternen

eine Brücke zu unseren Kindern.

Wir glauben nach dem Tod des Kindes nur tiefe Gräben und reißendes Wasser zu sehen …

alles scheint unüberbrückbar.

Wir fürchten abzustürzen und weggerissen zu werden!

Die Gräben werden bleiben ein Leben lang, aber wir können eine Brücke bauen,

aus Liebe und Erinnerung an unsere Kinder,

so ist es dann Sinnbild einer niemals abbrechenden Erinnerung zu unseren Kindern.

Wie auch das Bild des Regenbogens,

dass wundervoll im Regen gebrochenes Sonnenlicht, schon seit ewigen Zeiten als tröstendes Wunder galt, - als Verbindung des Jenseits des Menschen.

Eine Brücke kann auch die Gemeinschaft der Verwaisten Eltern sein, in der wir liebevolle Zuwendung, Verständnis und auch Hoffnung erfahren.

Eine Gemeinschaft in der jedem seine eigene Zeit zugestanden wird, seinen eigenen Weg zu finden über die Brücke zu seinem Kind.

Manche von uns sind vielleicht schon so weit in ihrer Trauerarbeit, dass die Brücke langsam begehbar wird. Andere befinden sich in ihrer Trauer noch so tief und der Abgrund tut sich noch weit auf, dass die Brücke nicht betretbar ist, vielleicht finden auch sie mit der Zeit den Weg über die Brücke.

Wieder andere sind wütend, haben Schuldgefühle und sind depressiv, sie haben alle Brücken hinter sich abgebrochen und sehen keinen Sinn im Wiederaufbau.

Doch welchen Weg man geht, wir sind nicht allein.

Zur Brücke gehört für viele auch vielleicht dieser Gedenkgottesdienst, da gerade wir in dieser Zeit von Advent und Weihnachten unsere Kinder besonders vermissen und wir uns nach ihnen sehnen.

 

Wir werden nachher für unsere Kinder eine Kerze auf einem Stern anzünden, als Zeichen um die unvergängliche Liebe zu ihnen, als Brücke in eine andere Welt.

Hell soll dieses Licht leuchten.

 

Pastor Köster:
Die dritte Bedeutung der Brücke ist der Weg hinüber zu Gott. Ja, und manchmal wieder herüber von Gott zu uns hier auf der Erde. Es ist die Brücke, die die Lebenden mit den Toten verbindet. Die Brücke in die andere Welt. Die Welt bei Gott, im Himmel, in der Ewigkeit. Oder wo immer man meint, dass die Verstorbenen jetzt sind. Die Brücke, vor der wir stehen. Die Brücke in den Tod, die uns zunächst in den Abgrund führt.

Doch wie anders wäre es, wenn Jesus diese Brücke ist? Wie wäre es, wenn wir das glauben könnten?

Glauben, dass die Kinder, um die wir heute trauern, bei ihm sind, auf der anderen Seite des Abgrunds, auf der anderen Seite des Lebens in einer anderen Welt? Jesus, der auf die Welt gekommen ist, der Heiligabend in Bethlehem diesen Weg zu uns auf die Erde gekommen ist. Um zu zeigen, dass Gott bei uns Menschen wohnt.

Und der Ostern in Jerusalem diesen Weg noch einmal gegangen ist, vom Himmel auf die Erde, vom Tod zum Leben, um zu zeigen, dass die Menschen bei Gott wohnen. Dass sie, die sterben, mit ihm über diese Brücke gehen in Gottes Welt.

Und manchmal, in lichten Augenblicken, in Träumen, inmitten eines Gesprächs, in einem Gebet oder mitten am Tag einfach so, manchmal sehen Verwaiste Eltern diese Brücke ganz klar vor sich. Und ihr Kind, das auf der anderen Seite steht. Das gibt es. Selten. Oder vielleicht öfter, als wir meinen. Aber ich glaube, dafür lohnt es sich zu leben.

Amen.

 

Weihnachten im Haus Bonhoeffer:

Dieter Behring:
Weihnachten 1918 ist alles schwer.

Unser Bruder Walter fehlt. Er, der zweitälteste Sohn meiner Eltern, ist am 28. April 1918 als 18jähriger Fahnenjunker im Westen gefallen.

Eine schreckliche Lücke, die sein Tod auch in unseren Geschwisterkreis gerissen hat, ist nun da, und sie bleibt offen. Unsere Mutter ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, unser Vater um Jahre gealtert.

An diesem Weihnachtsnachmittag sagt unsere Mutter:

„Wir wollen nachher hinüber gehen“.

Das Hinübergehen heißt, wir gehen alle auf den Friedhof. Walter ist nach Berlin überführt worden, sein Grab liegt auf dem nahe gelegenen Friedhof.

Bald treffen wir uns unten in der Diele. Mama und Papa sind vorher noch einmal in das Weihnachtszimmer gegangen und haben einen Tannenzweig vom Baum abgeschnitten mit einem Licht und Lametta und nehmen diesen Weihnachtszweig für das Grab von Walter.

 

(Sabine Leiholz-Bonhoeffer)

 

Wir erinnern uns

Christel Behring:
Wir erinnern uns beim Aufgang der Sonne

und bei ihrem Untergang erinnern wir uns an sie;

beim Wehen des Windes und der Kälte des Winters erinnern wir uns an sie;

beim öffnen der Knospen und der Wärme des Sommers erinnern wir uns an sie;

beim Rauschen der Blätter und der Schönheit des Herbstes erinnern wir uns an sie;

zu Beginn des Jahres und wenn es zu Ende geht erinnern wir uns an sie;

wenn wir müde sind und Kraft brauchen erinnern wir uns an sie;

wenn wir verloren sind und krank in unseren Herzen, erinnern wir uns an sie;

wenn wir Freude erleben, die wir so gern teilen würden, erinnern wir uns an sie,

so lange wir leben, werden sie auch leben, denn sie sind nun ein Teil von uns, wenn wir uns erinnern.

 

(aus Toren des Gebets, reformiertes jüdische Gebetsbuch)

 

 


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